{"id":898,"date":"2020-05-04T16:57:41","date_gmt":"2020-05-04T14:57:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bischoefe.ch\/?p=898"},"modified":"2021-01-25T13:35:16","modified_gmt":"2021-01-25T12:35:16","slug":"das-gebet-im-judentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/das-gebet-im-judentum\/","title":{"rendered":"Das Gebet im Judentum"},"content":{"rendered":"\n<h5>Zum Dies Iudaicus 2020<\/h5>\n\n\n\n<\/p>\n<p><strong>v<em>on Rabbiner Dr. David Bollag, Institut f\u00fcr J\u00fcdisch-Christliche Forschung, Universit\u00e4t Luzern<\/em><br \/><\/strong><br \/>Die Thora fordert den Menschen an verschiedenen Stellen auf, Gott zu dienen. An einer dieser Stellen lautet die Formulierung: \u201eGott mit dem ganzen Herzen zu dienen\u201c (Deuteronomium 11,13). Der Talmud erhebt zu dieser Formulierung die verst\u00e4ndliche Frage, wie denn Gott mit dem Herzen gedient werden k\u00f6nne. Da der ideale Gottesdienst im Tempel vorgenommen wird und da dieser Dienst \u2013 prim\u00e4r mit den Opfern \u2013 ein physischer, k\u00f6rperlicher Dienst ist, wird hier die Frage gestellt, wie denn Gott mit dem Herzen, auf abstrakte Art und Weise, gedient werden k\u00f6nne?<br \/><br \/>Der Talmud beantwortet die Frage indem er erkl\u00e4rt, dass mit dem Dienst mit dem Herzen das Gebet gemeint sei. Das Gebet ist ein Dienst an Gott, der mit dem Herzen ausgef\u00fchrt wird. In der heutigen Zeit, da wir keinen Tempel in Jerusalem haben, ist das Gebet gar die wesentlichste und bedeutendste Art, Gott zu dienen. Wenn heute von \u201eGottesdienst\u201c die Rede ist, so ist damit das Gebet gemeint.<br \/><br \/>Im Kontext der Diskussion der unterschiedlichsten Aspekte des j\u00fcdischen Gebetes geht der Talmud auch der grundlegenden Frage nach, wie denn das Gebet entstanden sei, wo sein Ursprung zu finden sei. Er pr\u00e4sentiert zwei grunds\u00e4tzlich unterschiedliche Ansichten. Die beiden Ansichten bringen auf direkte Art und Weise die zentralsten Eigenschaften des j\u00fcdischen Gebetes zum Ausdruck.<br \/><br \/>Die erste der beiden im Talmud pr\u00e4sentierten Ansichten ist, dass das j\u00fcdische Gebet von den Erzv\u00e4tern \u2013 von Abraham, Isaak und Jakob \u2013 eingef\u00fchrt worden sei. Die drei t\u00e4glichen Gebete haben ihren Ursprung bei je einem der drei Erzv\u00e4ter, und der Talmud zitiert die Bibelstellen, die beinhalten, dass die Erzv\u00e4ter gebetet haben.<br \/><br \/>Die andere Ansicht im Talmud ist, dass die Gebete ihren Ursprung erst viel sp\u00e4ter haben, dass die verschiedenen Gebete des Tages parallel dem Opferdienst im Tempel eingerichtet worden seien. Jedes der drei t\u00e4glichen Gebete gehe auf eine bestimmte Opferhandlung im Tempel zur\u00fcck.<br \/><br \/>Die beiden Meinungen unterscheiden sich sehr klar voneinander \u2013 nicht nur in Bezug auf die Frage, wann das j\u00fcdische Gebet entstanden sei, sondern vor allem auch, was der Grundcharakter des Gebetes im Judentum sei.<br \/>Die erste Ansicht l\u00e4sst uns verstehen, dass sich das j\u00fcdische Gebet prim\u00e4r dadurch auszeichnet, dass es \u2013 wie bei den Erzv\u00e4tern \u2013 spontan, im Innern des Menschen, in einer bestimmten Lebenssituation entsteht, und deshalb sehr individuellen Charakter hat. Das Gebet entsteht aus dem Wunsch des Menschen, sich mit seinen ganz pers\u00f6nlichen Gedanken und Emotionen, mit Lob, Bitten und Dank an Gott zu richten.<br \/><br \/>Die andere Ansicht unterscheidet sich sehr klar davon. Sie sieht das Gebet \u2013 wie den Opferdienst im Tempel \u2013 als etwas dem Menschen von aussen Vorgeschriebenes, als eine t\u00e4gliche Verpflichtung, die der Gemeinschaft und dem Einzelnen obliegt. Als eine Vorschrift an den Menschen, die er \u2013 unabh\u00e4ngig von seiner spezifischen Lebenssituation \u2013 mehrmals t\u00e4glich zu einer bestimmten Zeit, mit gegebenem Inhalt und vorgeschriebener Form zu erf\u00fcllen hat.<br \/><br \/>Der Talmud versucht zu eruieren, welche der beiden Ansichten die richtige sei. Nach sorgf\u00e4ltiger Analyse der Meinungsverschiedenheit kommt er zum Schluss, dass beide richtig sind. Die Grundidee des Gebetes, das Beten des Menschen, geht auf die Erzv\u00e4ter zur\u00fcck. Sie haben das Gebet initiiert und beeinflussen damit das j\u00fcdische Gebet bis heute. Doch die Festlegung vieler der einzelnen Vorschriften des Gebetes orientiert sich direkt am Opferdienst im Tempel. Das hat zur Folge, dass das j\u00fcdische Gebet auch direkt vom Opferdienst im Tempel beeinflusst ist.<br \/><br \/>Da beide, sehr unterschiedlichen Ansichten das j\u00fcdische Gebet pr\u00e4gen, zeichnet es sich durch eine innere Dialektik aus. Es beinhaltet verschiedene Eigenschaften, die sich grundlegend voneinander unterscheiden, sich gegenseitig scheinbar widersprechen, wenn nicht gar gegenseitig ausschliessen. Ein differenziertes, vertieftes Verst\u00e4ndnis des j\u00fcdischen Gebetes zeigt aber, dass sich die verschiedenen Eigenschaften gegenseitig erg\u00e4nzen und vervollst\u00e4ndigen.<br \/>Das j\u00fcdische Gebet will sowohl spontan als auch vorgeschrieben sein. Wenn es im Innern des Menschen entsteht, so soll es wissen, wie es Inhalt und Form annehmen kann. Und wenn keine Spontaneit\u00e4t da ist, so sollen die Vorschriften daf\u00fcr sorgen, dass es dennoch vorgenommen werden kann, und sie sollen das Innere des Menschen zum Gebet erwecken.<br \/><br \/>Der Jude steht in seinem Gebet sowohl als Individuum vor Gott \u2013 wie die Urv\u00e4ter, gleichzeitig aber auch als Teil der Gemeinschaft \u2013 wie im Tempel in Jerusalem. Das Leben jedes Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass er in gewissen Lebenssituationen prim\u00e4r ein einzelnes Individuum ist, w\u00e4hrend er in anderen Lebenslagen viel mehr Teil der Gemeinschaft ist. Das j\u00fcdische Gebet will mit voller Absicht beiden Aspekten des menschlichen Lebens Ausdruck verleihen.<br \/><br \/>Das j\u00fcdische Gebet ist also direkt von den Urv\u00e4tern und vom Tempeldienst beeinflusst und tr\u00e4gt in einer dynamischen und lebendigen Dialektik die sehr unterschiedlichen Einfl\u00fcsse beider Urspr\u00fcnge in sich. In einer Dialektik, die es dem Juden erm\u00f6glichen soll, Gott mit seinem ganzem Herzen zu dienen.<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Dies Iudaicus 2020<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/898"}],"collection":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=898"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/898\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7169,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/898\/revisions\/7169"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}