{"id":5698,"date":"2020-10-05T02:02:18","date_gmt":"2020-10-05T00:02:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bischoefe.ch\/?p=5698"},"modified":"2020-11-26T19:03:46","modified_gmt":"2020-11-26T18:03:46","slug":"kommentar-zu-fratelli-tutti-enzyklika-von-papst-franziskus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/kommentar-zu-fratelli-tutti-enzyklika-von-papst-franziskus\/","title":{"rendered":"Kommentar zu \u00abFratelli tutti\u00bb &#8211; Enzyklika von Papst Franziskus"},"content":{"rendered":"<div class=\"attribute-short_description\">&nbsp;<\/div>\n<div class=\"attribute-description\">\n<div class=\"attribute-short_description\">\n<div class=\"attribute-short_description\">\n<p><strong><a title=\"http:\/\/w2.vatican.va\/content\/francesco\/de\/encyclicals\/documents\/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html\" href=\"http:\/\/w2.vatican.va\/content\/francesco\/de\/encyclicals\/documents\/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abFratelli tutti\u00bb oder die Enzyklika eines universellen Aufrufs zum Dialog aus Achtung<\/a> vor der W\u00fcrde jedes einzelnen Menschen<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"attribute-description\">\n<p><b>&nbsp; <\/b><\/p>\n<p><b>Ein Lied unter Zitaten aller Art&nbsp;&#8230;<\/b><br>Der Heilige Vater zitiert in seiner Enzyklika \u00fcberraschenderweise ein Lied des brasilianischen Liedermachers Vinicius de Morales, auf dessen Platte aus dem Jahr 1962 er in der entsprechenden Fussnote verweist (Nr.&nbsp;215), den Filmemacher Wim Wenders (Nr.&nbsp;203), den Theologen Karl Rahner (Nr.&nbsp;88), an vielen Stellen Thomas von Aquin, anerkannte Philosophen wie Gabriel Marcel (Nr.&nbsp;87) oder Paul Ric\u0153ur (Nr.&nbsp;102), den umstrittenen Georg Simmel (Nr.&nbsp;150), den zuk\u00fcnftigen Papst Karol Wojtyla (Nr.&nbsp;88), der als junger Bischof das Buch \u00abLiebe und Verantwortung\u00bb verfasste, aber auch Meister der Spiritualit\u00e4t wie Ren\u00e9 Voillaume (Nr.&nbsp;193), und bezieht sich besonders gerne auf die Heilige Schrift, seine Vorg\u00e4nger, Bischofskonferenzen aus der ganzen Welt, seine eigenen Schriften oder Interviews und insbesondere auf seinen Freund, den grossen Imam der Universit\u00e4t Al Azhar Ahmad Al-Tayyeb, mit dem er im Februar 2019 in Abu Dhabi das \u00abDokument \u00fcber die Br\u00fcderlichkeit aller Menschen f\u00fcr ein friedliches Zusammenleben in der Welt\u00bb unterzeichnete. Seine \u00dcberlegungen schliesst der Papst mit einer Erinnerung an ihren gemeinsamen Aufruf ab. <br>Dar\u00fcber hinaus zollt der Heilige Vater Martin Luther King, Desmond Tutu, Gandhi und nicht zuletzt Bruder Charles de Foucauld, der ihn zum am Ende der Enzyklika vorgeschlagenen Gebet inspiriert hat, Tribut.<br>Auffallend ist, dass kaum Frauen direkt zitiert werden, obgleich ihre Sache angesprochen und die Geschwisterlichkeit gendergerecht und \u00fcberall im Dokument unterstrichen wird: \u00abSo wie es inakzeptabel ist, dass eine Person weniger Rechte hat, weil sie eine Frau ist, so ist es auch nicht hinnehmbar, dass der Geburts- oder Wohnort schon von sich aus mindere Voraussetzungen f\u00fcr ein w\u00fcrdiges Leben und eine menschenw\u00fcrdige Entwicklung liefert.\u00bb (Nr.&nbsp;121).<\/p>\n<p><b>Gleich einer Reise zu den christlichen Quellen und Ressourcen des interreligi\u00f6sen Dokuments von Abu Dhabi<\/b><br>Es entsteht in der Tat der Eindruck, als ob Papst Franziskus den Aussagen des oben erw\u00e4hnten Dokuments von Abu Dhabi eine christliche Grundlage oder Konsistenz vermitteln, aber auch den sozialen Aspekt seiner vorangehenden Enzyklika \u00fcber \u00f6kologische Fragen, Laudato si\u2019, noch einmal unterstreichen wolle.<\/p>\n<p>Franziskus von Assisi und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das eingehend analysiert wird, geben den Ton an und erinnern beil\u00e4ufig daran, dass \u00abwir alle etwas vom verletzten Menschen haben, etwas von den R\u00e4ubern, etwas von denen, die vorbeigehen, und etwas vom barmherzigen Samariter\u00bb (Nr.&nbsp;69). Nebenbei erinnert der Papst daran, dass Jesus selbst als \u00abSamariter\u00bb verspottet worden war (nach Johannes 8,48, Nr.&nbsp;83). Aber die Sorge des Papstes um ein gutes Verst\u00e4ndnis des christlichen Beitrags zu den Problemen der Menschheit zeigt sich vor allem in den Passagen \u00fcber \u00abden unvermeidlichen Konflikt, die legitimen K\u00e4mpfe und die Vergebung, den wahren Sieg, die Erinnerung\u00bb (Nr. 237\u2013254). Es geht um eine Vergebung, welche die Gerechtigkeit nicht aufgibt, aber frei von Hass ist. Unter Nr.&nbsp;255\u2013270 werden die beiden M\u00f6glichkeiten der \u00abEliminierung des Anderen\u00bb analysiert und abgelehnt. Die eine Eliminierung \u2013 der Krieg \u2013 wird von L\u00e4ndern angewendet, die andere \u2013 die Todesstrafe \u2013 von Menschen angeordnet. Es sind sehr ausf\u00fchrliche Seiten von bemerkenswerter Tiefe. Es wird sogar wiederholt, denn der Papst zitiert sich selbst: \u00abDie lebenslange Freiheitsstrafe ist eine versteckte Todesstrafe\u00bb (Nr.&nbsp;268). Es geht um nichts weniger als die unver\u00e4usserliche W\u00fcrde eines jedes Menschen. Punkt. Aber eben ein \u00abPunkt\u00bb, der im Geist der Enzyklika f\u00fcr den Dialog offen bleiben muss, damit er \u00fcberzeugen kann!&nbsp;<\/p>\n<p><b>Eine pandemische Gewissenspr\u00fcfung<\/b><br>Diese Enzyklika ist ein sowohl leidenschaftlicher als auch rationaler Appell an alle Menschen \u00abguten Willens, jenseits ihrer religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen\u00bb (Nr.&nbsp;56), an alle V\u00f6lker, Institutionen und Regierungen, zugunsten eines echten postpandemischen Bem\u00fchens um einen radikalen Wandel hin zu einer aktiven und universellen Achtung der Geringsten, der \u00c4rmsten, der Gef\u00e4hrdetsten, deren W\u00fcrde keine Ausnahme dulden kann. \u00abWenn uns das Aussterben bestimmter Arten Sorgen bereitet, sollte uns erst recht der Gedanke beunruhigen, dass es \u00fcberall Menschen und V\u00f6lker gibt, die ihr Potenzial und ihre Sch\u00f6nheit aufgrund von Armut oder anderen strukturellen Grenzen nicht entfalten k\u00f6nnen. Denn dies f\u00fchrt letztendlich zur Verarmung von uns allen.\u00bb (Nr.&nbsp;137).<br>Der Papst stellt schonungslos fest, dass wir \u00abAnalphabeten sind, wenn es darum geht, die Gebrechlichsten und Schw\u00e4chsten unserer entwickelten Gesellschaften zu begleiten, zu pflegen und zu unterst\u00fctzen\u00bb (Nr.&nbsp;64).<br>Der Heilige Vater beschreibt den Rassismus als ein Virus der schlimmsten Art, \u00abdas leicht mutiert und das, anstatt zu verschwinden, weiter im Verborgenen lauert\u00bb (Nr.&nbsp;97), und den radikalen Individualismus als \u00abdas am schwersten zu besiegende Virus\u00bb (Nr.&nbsp;105).&nbsp;<\/p>\n<p><b>Liebe durch Dialog \u2013 die einzige Antwort auf alle \u00dcbel<\/b><br>Die Liebe wird als die einzige solide Grundlage f\u00fcr Beziehungen nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Kulturen, Religionen und Nationen dargestellt: \u00abWir sind f\u00fcr die F\u00fclle geschaffen, die man nur in der Liebe erlangt\u00bb (Nr.&nbsp;68). Alles, was lediglich eine Vereinbarung oder ein Kompromiss ist, der allen zugutekommt, bleibt fragil. Und selbst Tugenden \u00abohne N\u00e4chstenliebe erf\u00fcllen die Gebote streng genommen nicht so, wie Gott das beabsichtigt\u00bb (Nr.&nbsp;91). Denn \u00abdie gr\u00f6sste Gefahr besteht vielmehr nicht in den Sachen, in den materiellen Wirklichkeiten, in den Organisationen, sondern in der Art und Weise, in der die Menschen sie benutzen\u00bb (Nr.&nbsp;166). Es ist die Entdeckung des Anderen und des Unterschieds, die es erm\u00f6glicht, sich gegenseitig zu erg\u00e4nzen und so menschlicher zu werden. Der Dialog ist der k\u00f6nigliche und zertifizierte Weg, der erm\u00f6glicht, dieses Ziel zu erreichen!<\/p>\n<p><b>Der Glaube an Gott allein reicht nicht aus<\/b><br>Die Gl\u00e4ubigen allgemein werden geh\u00f6rig abgekanzelt: \u00abAn Gott zu glauben und ihn anzubeten ist keine Garantie daf\u00fcr, dass man auch lebt, wie es Gott gef\u00e4llt\u00bb (Nr.&nbsp;74, siehe auch Nr.&nbsp;86). Es werden in der Enzyklika zahlreiche Beispiele daf\u00fcr \u2013 sowohl in Bezug auf das pers\u00f6nliche als auch auf das kollektive Verhalten \u2013 angef\u00fchrt &#8230;<\/p>\n<p>So wird auch auf die pers\u00f6nliche Verantwortung hingewiesen: \u00abWir d\u00fcrfen nicht alles von denen erwarten, die uns regieren; das w\u00e4re infantil\u00bb (Nr.&nbsp;79)! Also: \u00abWenn jemand Wasser im \u00dcberfluss besitzt und trotzdem sorgsam damit umgeht, weil er an die anderen denkt, tut er das, weil er ein moralisches Niveau erreicht hat, das es ihm erlaubt, \u00fcber sich und die Seinen hinauszublicken.\u00bb (Nr.&nbsp;117).<br>Vor allem aber erinnert uns der Papst am Ende der Enzyklika daran, dass die Vertreibung Gottes bedeutet, den Menschen den G\u00f6tzen auszuliefern (Nr. 271\u2013284).<\/p>\n<p><b>Br\u00fcderlichkeit <\/b><b>aus<\/b><b>&nbsp;Menschlichkeit oder das Fundament, auf dem man bauen kann<\/b><br>Wenn sich der Heilige Franziskus von Assisi an seine Br\u00fcder und Schwestern im Glauben wandte, indem er \u00aballe Br\u00fcder\u00bb sagte (der Titel der Enzyklika ist daher in allen Sprachen auf Italienisch geblieben), und wenn er sich gegen\u00fcber jeder Frau und jedem Mann wie ein Bruder verhielt, und selbstverst\u00e4ndlich auch gegen\u00fcber einem Sultan in \u00c4gypten, so geht das auf Jesus zur\u00fcck, sagt der gleichnamige Papst, denn in Matth\u00e4us 23,8 sagt Jesus: \u00abIhr seid alle Br\u00fcder und Schwestern\u00bb (Nr.&nbsp;95). Mit anderen Worten: Man kann nichts dagegen tun, so ist es nun einmal. Dies ist das eigentliche Fundament der sozialen Freundschaft, das Fundament dieser Menschlichkeit, die uns zutiefst gemeinsam ist. Der unausweichliche Anspruch auf gleiche Rechte f\u00fcr jeden Menschen \u00abergibt sich schon aus der Tatsache, eine unver\u00e4usserliche Menschenw\u00fcrde zu besitzen\u00bb (Nr.&nbsp;127), und zwar derart, dass der Papst uns dazu aufruft, sogar \u00abauf die diskriminierende Verwendung des Begriffs Minderheiten zu verzichten\u00bb (Nr.&nbsp;131) und, statt f\u00fcr sie, mit und f\u00fcr andere, insbesondere die Armen zu handeln (Nr.&nbsp;169). Dass wir alle Br\u00fcder und Schwestern sind, ist sozusagen die sch\u00f6nste aller Unabwendbarkeiten, die von der Vorsehung gewollte Gelegenheit, das Gl\u00fcck des Liebens und Geliebt-Werdens zu entdecken! Es ist dieses grundlegende Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zu ein und derselben Familie (Nr.&nbsp;230), das uns den Sinn f\u00fcr das Gemeinwohl \u00f6ffnet. Ausserdem, meint Papst Franziskus, geht ja nichts, was aus Liebe getan wird, verloren (Nr.&nbsp;195)!<\/p>\n<p><b>Fratelli tutti? Ein Aufruf, der zugleich Warnung und Gebet ist<\/b><br>Der Papst warnt: \u00abWir werden die Probleme unserer Zeit nur gemeinsam oder gar nicht bew\u00e4ltigen\u00bb (Nr.&nbsp;137)!<br>Und dennoch schliesst er voller Hoffnung mit einem Gebet, das er uns sowohl in einer interreligi\u00f6sen als auch in einer christlichen Version anbietet.<\/p>\n<p><\/p>\n<p>+ Alain de Raemy<\/p>\n<p>Im Namen des Pr\u00e4sidiums der Schweizer Bischofskonferenz<\/p>\n<p><\/p>\n<p>Freiburg, 4.&nbsp;Oktober 2020<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><b>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/b><\/p>\n<\/div>\n\n<a class=\"download\" href=\"\" download> <i class=\"fa btn btn-download fa-download\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00abFratelli tutti\u00bb oder die Enzyklika eines universellen Aufrufs zum Dialog aus Achtung vor der W\u00fcrde jedes einzelnen Menschen &nbsp; Ein Lied unter Zitaten aller Art&nbsp;&#8230;Der Heilige Vater zitiert in seiner Enzyklika \u00fcberraschenderweise ein Lied des brasilianischen Liedermachers Vinicius de Morales, auf dessen Platte aus dem Jahr 1962 er in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":5700,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5698"}],"collection":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5698"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5698\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6083,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5698\/revisions\/6083"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5700"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5698"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}