{"id":2417,"date":"2017-01-12T11:13:36","date_gmt":"2017-01-12T10:13:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bischoefe.ch\/?p=2417"},"modified":"2020-11-20T11:30:09","modified_gmt":"2020-11-20T10:30:09","slug":"zum-tag-des-judentums-am-12-maerz-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/zum-tag-des-judentums-am-12-maerz-2017\/","title":{"rendered":"Zum Tag des Judentums am 12. M\u00e4rz 2017"},"content":{"rendered":"<div class=\"attribute-short_description\">\n<div class=\"attribute-short_description\">\n<div id=\"yui_3_15_0_1_1589272411469_199\" class=\"attribute-sub_title\">\n<div class=\"attribute-sub_title\">\n<div class=\"attribute-short_description\">\n<p class=\" text-left\"><b>1947 \u2013 2017: Die\u00a0<i>Seelisberger Thesen<\/i>\u00a0als Magna Charta der j\u00fcdisch-christlichen Verst\u00e4ndigung<\/b><\/p>\n<p class=\" text-left\">Vor 70 Jahren wurden die\u00a0<i>Seelisberger Thesen<\/i>\u00a0erkl\u00e4rt, und so wurde in der Schweiz der Grundstein f\u00fcr den internationalen Dialog zwischen Judentum und Christentum wie f\u00fcr die Konzilserkl\u00e4rung\u00a0<i>Nostra Aetate<\/i>\u00a0(1965) gelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Von Verena Lenzen, Universit\u00e4t Luzern<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Co-Pr\u00e4sidentin der J\u00fcdisch\/R\u00f6misch-katholischen Gespr\u00e4chskommission <strong><br \/><\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"attribute-description\">\n<p>Vom 30. Juli bis zum 5. August 1947 fand in der Gemeinde Seelisberg, Kanton Uri, die <i>Internationale Konferenz von Christen und Juden<\/i>\u00a0statt, auch\u00a0<i>Dringlichkeitskonferenz gegen Antisemitismus<\/i>\u00a0genannt. 65 prominente Vertreter j\u00fcdischer und christlicher Organisationen, katholische, protestantische, j\u00fcdische M\u00e4nner und Frauen aus 19 L\u00e4ndern, nahmen an der\u00a0<i>International Conference of Christians and Jews<\/i>\u00a0in der Schweiz teil und formulierten\u00a0<i>Zehn Thesen<\/i> zu einer neuen Verh\u00e4ltnisbestimmung von Christentum und Judentum. Zweck und Ziel der Seelisberg-Konferenz war die Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus, die \u00dcberarbeitung der christlichen Lehre und Theologie und die Aufnahme des j\u00fcdisch-christlichen Gespr\u00e4chs.<\/p>\n<p>Die Tagungsteilnehmer pr\u00fcften, in welchem Grade das Christentum durch die Tradierung antij\u00fcdischer Vorurteile eine Verantwortung am Holocaust trage, und sie arbeiteten zehn Punkte aus, die auf den 18 Lehrs\u00e4tzen zur Vermeidung des Antisemitismus beruhten, die von\u00a0 dem j\u00fcdisch-franz\u00f6sischen Historiker Jules Isaac (1877-1963) ausgearbeitet worden waren.\u00a0<\/p>\n<p>Die\u00a0<i>Zehn Thesen\u00a0<\/i>von Seelisberg behandeln die Frage, wie das Thema Judentum in der christlichen Theologie und Exegese, Predigt und Katechese vorurteilslos zu behandeln sei. Sie umfassen Grundaussagen zur Gottesvorstellung im Alten und Neuen Testament, zum J\u00fcdischsein Jesu und Marias sowie der ersten J\u00fcnger, Apostel und M\u00e4rtyrer und zur N\u00e4chsten- und Gottesliebe in beiden Testamenten und Religionen, und sie kritisieren jede Art von judenfeindlicher Darstellung der Passionsgeschichte.<\/p>\n<p>Die Seelisberger Thesen wurden zum Grundstein der Konzilserkl\u00e4rung\u00a0<i>Nostra Aetate<\/i>.<\/p>\n<p>Am 13. Juni 1960 wurde der 83-j\u00e4hrige Isaac von Johannes XXIII. in einer Privataudienz empfangen. Er unterbreitete dem Papst das Anliegen einer neuen christlichen Verh\u00e4ltnisbestimmung zum Judentum und bat ihn um eine offizielle Erkl\u00e4rung, worauf dieser Augustin Kardinal Bea mit der Ausarbeitung eines entsprechenden Konzilsdokuments beauftragte. Am 28. Oktober 1965 wurde die Endvorlage von\u00a0<i>Nostra Aetate<\/i>\u00a0von der Konzilssession mit grosser Mehrheit angenommen und trat damit kirchenrechtlich in Kraft.\u00a0<\/p>\n<p><i>Artikel 4<\/i>\u00a0der Konzilserkl\u00e4rung bringt das Thema, um dessentwillen das Dokument entstand: das Verh\u00e4ltnis von Judentum und Christentum. Der Glaube, die Erw\u00e4hlung und die Berufung der Kirche haben in Israel ihren Ursprung und Anfang. Israel ist die bleibende Wurzel der Kirche aus Juden und Heiden. Alle Christgl\u00e4ubigen sind dem Glauben nach als Kinder Abrahams in die Berufung des Patriarchen eingeschlossen. Die Kirche ist nicht nur durch den Alten Bund und das Alte Testament, sondern auch durch die j\u00fcdische Abstammung Jesu, Marias, der Apostel und der meisten der ersten J\u00fcnger mit dem j\u00fcdischen Volk verbunden. Auf Grund des gemeinsamen geistlichen Erbes ruft das Konzil auf, das br\u00fcderliche Gespr\u00e4ch und die gegenseitige Kenntnis und Achtung zu f\u00f6rdern. Entschieden verurteilt die Kirche alle Formen von Rassismus und Antisemitismus.\u00a0<\/p>\n<p>So wurde mit der Seelisberger Konferenz 1947 ein Grundstein f\u00fcr ein erneuertes Verh\u00e4ltnis der R\u00f6misch-Katholischen Kirche zum Judentum gelegt, und ihre Bedeutung ist auch siebzig Jahre sp\u00e4ter noch von bleibender Aktualit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><i><b>Literatur<\/b><\/i><\/p>\n<p><i>Vgl. Verena Lenzen: Von Seelisberg nach Rom. Der j\u00fcdisch-christliche Dialog in der Schweiz im internationalen Kontext. In: Juden und Christen im Dialog, hrsg. von Birgit Jeggle-Merz und Michael Durst. Theologische Berichte 36. Freiburg Schweiz 2016, 36-53.<\/i><\/p>\n<p><i>Vgl. Christian M. Rutishauser: The 1947 Seelisberg Conference. The Foundation of the Jewish-Christian Dialogue. In: Studies in Christian-Jewish Relations 2,2 (2007), 34\u201353. Online verf\u00fcgbar: http:\/\/escholarship.bc.edu\/scjr\/vol2\/iss2 [04.12.16].<\/i><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><b>DIE SEELISBERGER THESEN (1947)<\/b><\/p>\n<p><b>1.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist hervorzuheben, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und Neue Testament zu uns allen spricht.<\/p>\n<p><b>2.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist hervorzuheben, dass Jesus von einer j\u00fcdischen Mutter aus dem Geschlechte Davids und dem Volke Israel geboren wurde, und dass seine ewige Liebe und Vergebung sein eigenes Volk und die ganze Welt umfasst.<\/p>\n<p><b>3.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist hervorzuheben, dass die ersten J\u00fcnger, die Apostel und die ersten M\u00e4rtyrer Juden waren.<\/p>\n<p><b>4.<\/b>\u00a0 Es ist hervorzuheben, dass das gr\u00f6sste Gebot f\u00fcr die Christenheit, die Liebe zu Gott und zum N\u00e4chsten, schon im Alten Testament verk\u00fcndigt, von Jesus best\u00e4tigt, f\u00fcr beide, Christen und Juden, gleich bindend ist, und zwar in allen menschlichen Beziehungen und ohne jede Ausnahme.<\/p>\n<p><b>5.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist zu vermeiden, dass das biblische und nachbiblische Judentum herabgesetzt wird, um dadurch das Christentum zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p><b>6.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist zu vermeiden, dass Wort \u201eJuden\u201c in der ausschliesslichen Bedeutung \u201eFeinde Jesu\u201c zu gebrauchen, oder auch die Worte \u201edie Feinde Jesu\u201c, um damit das ganze j\u00fcdische Volk zu bezeichnen.<\/p>\n<p><b>7.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist zu vermeiden, die Passionsgeschichte so darzustellen, als ob alle Juden oder die Juden allein mit dem Odium der T\u00f6tung Jesu belastet seien. Tats\u00e4chlich waren nicht alle Juden, welche den Tod Jesu gefordert haben. Nicht die Juden alleine sind daf\u00fcr verantwortlich, denn das Kreuz, das uns alle rettet, offenbart uns, dass Christus f\u00fcr unser aller S\u00fcnden gestorben ist. Es ist allen christlichen Eltern und Lehrern die schwere Verantwortung vor Augen zu stellen, die sie \u00fcbernehmen, wenn sie die Passionsgeschichte in einer oberfl\u00e4chlichen Art darstellen. Dadurch laufen sie Gefahr, eine Abneigung in das Bewusstsein ihrer Kinder oder Zuh\u00f6rer zu pflanzen, sei es gewollt oder ungewollt. Aus psychologischen Gr\u00fcnden kann in einem einfachen Gem\u00fct, das durch leidenschaftliche Liebe und Mitgef\u00fchl zum gekreuzigten Erl\u00f6ser bewegt wird, der nat\u00fcrliche Abscheu gegen die Verfolger Jesu sich leicht in einen unterschiedslosen Hass gegen alle Juden aller Zeiten, auch gegen diejenigen unserer Zeit, verwandeln.<\/p>\n<p><b>8.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist zu vermeiden, dass die Verfluchung in der Heiligen Schrift oder das Geschrei einer rasenden Volksmenge: \u201eSein Blut komme \u00fcber uns und unsere Kinder\u201c behandelt wird, ohne daran zu erinnern, dass dieser Schrei die Worte unseres Herrn nicht aufzuwiegen vermag: \u201eVater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun\u201c, Worte, die unendlich mehr Gewicht haben.<\/p>\n<p><b>9.\u00a0\u00a0\u00a0<\/b>Es ist zu vermeiden, dass der gottlosen Meinung Vorschub geleistet wird, wonach das j\u00fcdische Volk verworfen, verflucht und f\u00fcr ein st\u00e4ndiges Leiden bestimmt sei.<\/p>\n<p><b>10.\u00a0<\/b>Es ist zu vermeiden, die Tatsache unerw\u00e4hnt zu lassen, dass die ersten Mitglieder der Kirche Juden waren.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><i><b>Quelle<\/b>:<\/i><\/p>\n<p><i>SBK; SEK; SIG (Hgg.): 60 Jahre Seelisberger Thesen. Der Grundstein j\u00fcdisch-christlicher Begegnung ist gelegt! Bern\/Fribourg\/Z\u00fcrich 2007, 54\u201356. Online-Version: https:\/\/www.kirchenbund.ch\/sites\/default \/files\/publikationen\/pdf\/Seelisberger-Thesen.pdf [28.11.16].<\/i><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><b>GEMEINSAME ERKL\u00c4RUNG ZUR BEDEUTUNG J\u00dcDISCH-CHRISTLICHER ZUSAMMENARBEIT HEUTE (2007)<\/b><\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich des 60-Jahr-Jubil\u00e4ums der internationalen \u201cDringlichkeitskonferenz gegen den Antisemitismus\u201c von 1947 auf dem Seelisberg blicken wir auf eine erfolgreiche Pionierphase der j\u00fcdisch-christlichen Zusammenarbeit in der Schweiz zur\u00fcck. Das Verh\u00e4ltnis der evangelisch-reformierten und r\u00f6misch-katholischen Kirche gegen\u00fcber dem Judentum ist grundlegend ver\u00e4ndert worden, von einem Verh\u00e4ltnis der Gleichg\u00fcltigkeit und des Misstrauens oder gar der Feindschaft hin zu einem Nebeneinander und geschwisterlichen Miteinander. Durch unterschiedlichste Initiativen im religi\u00f6sen, p\u00e4dagogischen, sozialen und politischen Bereich sind Antijudaismus und der Antisemitismus in unserem Land wesentlich zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden.<\/p>\n<p>Gleichzeitig zeigen sich im gegenw\u00e4rtigen gesamtgesellschaftlichen Umbruch hin zu einer immer pluralistischeren und komplexeren Gesellschaft regressive und reaktion\u00e4re Gegenkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Daher verpflichten sich die Unterzeichner auch in Zukunft,<\/p>\n<p>\u2022 jeder Diskriminierung aufgrund von ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit oder Glaubens\u00fcberzeugung entgegenzutreten.<\/p>\n<p>\u2022 an der sensiblen Beziehung zwischen den j\u00fcdischen Gemeinden und den christlichen Kirchen unabl\u00e4ssig zu arbeiten.<\/p>\n<p>\u2022 die gegenseitige Verst\u00e4ndigung und den theologischen Dialog zu suchen und weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>\u2022 aus der je eigenen, religi\u00f6sen Tradition das Beste f\u00fcr ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden in die schweizerische Gesellschaft einzubringen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Wir rufen alle Angeh\u00f6rigen unserer Kirchen und Glaubensgemeinschaften auf, ihre Verantwortung in diesem Sinne in Gemeinde und \u00d6ffentlichkeit wahrzunehmen und eigene Initiativen zu ergreifen. Dar\u00fcber hinaus bitten wir alle Exponenten der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch jeden B\u00fcrger und jede B\u00fcrgerin, diese Zielsetzungen aktiv mitzutragen. Juden und Christen in unserem Land sehen folgende Herausforderungen, die nur mit vereinten Kr\u00e4ften bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>\u2022 Die bleibende Verankerung der Erkenntnisse aus der Aufarbeitung der Schoah im Bewusstsein aller B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger.<\/p>\n<p>\u2022 Eine sachliche und konstruktive Reaktion auf die Ereignisse im Nahen Osten, besonders in Israel\/Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>\u2022 Die Integration der unter uns wohnenden Muslime in unsere Gesellschaft.<\/p>\n<p>\u2022 Eine \u00f6ffentliche und politische Pr\u00e4senz der Religionen zum Gemeinwohl der ganzen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>\u2022 Die tatkr\u00e4ftige Hilfe angesichts neuer sozialer Ungerechtigkeiten.<\/p>\n<p>\u2022 Das Vorantreiben konkreter Massnahmen zum Schutz der anvertrauten Erde und zur Bewahrung der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Gemeinsam m\u00f6chten wir alle Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger zur Mitarbeit auf den unterschiedlichsten Ebenen anregen. Wir vertrauen und hoffen darauf, dass Gott, gepriesen sei sein Name, sie fruchtbar werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Prof. Alfred Donath, Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)<\/p>\n<p>Bischof Kurt Koch, Schweizer Bischofskonferenz (SBK)<\/p>\n<p>Pfarrer Thomas Wipf, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK)<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><i><b>Quelle<\/b>:<\/i><\/p>\n<p><i>SBK; SEK; SIG (Hgg.): 60 Jahre Seelisberger Thesen. Der Grundstein j\u00fcdisch-christlicher Begegnung ist gelegt! Bern\/Fribourg\/Z\u00fcrich 2007, 4f. Online-Version: https:\/\/www.kirchenbund.ch\/sites\/default\/ files\/publikationen\/pdf\/Seelisberger-Thesen.pdf [28.11.16].<br \/><\/i><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n<a class=\"download\" href=\"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/TagdesJudentums2017_d.pdf\" download>Zum Tag des Judentums am 12. 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