{"id":1534,"date":"2019-03-27T18:32:40","date_gmt":"2019-03-27T17:32:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bischoefe.ch\/?p=1534"},"modified":"2020-11-27T16:53:23","modified_gmt":"2020-11-27T15:53:23","slug":"dialog-ueber-das-europaeische-gemeinwohl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/dialog-ueber-das-europaeische-gemeinwohl\/","title":{"rendered":"Dialog \u00fcber das europ\u00e4ische Gemeinwohl"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bischofskonferenzen von Deutschland, Schweiz und Frankreich debattieren in Paris<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"95\" height=\"21\" class=\"wp-image-3513\" style=\"width: 95px\" src=\"https:\/\/www.bischoefe.ch\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/05\/logo_sbk_rgb_4-langues_officiel_small.jpg\" alt=\"\"><\/td><td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"95\" height=\"43\" class=\"wp-image-3938\" style=\"width: 95px\" src=\"https:\/\/www.bischoefe.ch\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2019\/03\/dbk.png\" alt=\"\"><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Mit einem eindringlichen Appell, das europ\u00e4ische Gemeinwohl nicht populistischen Tendenzen oder nationalstaatlichen Interessen zu opfern, ist heute in Paris eine Tagung der Bischofskonferenzen von Frankreich, der Schweiz und Deutschland zuende gegangen.<\/strong><br><br>Unter dem Leitwort \u201eDialog \u00fcber das europ\u00e4ische Gemeinwohl\u201c hatten seit gestern Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche \u00fcber die Zukunft der europ\u00e4ischen Idee diskutiert. Mit der Konferenz war die \u00dcberzeugung verbunden, dass die Wiederbelebung des europ\u00e4ischen Projekts eine Neudefinition des Gemeinwohls voraussetzt.<br><br>Der Vorsitzende der Franz\u00f6sischen Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier, betonte, dass angesichts des steigenden Einflusses nationalistischer Tendenzen in vielen L\u00e4ndern die Skepsis am europ\u00e4ischen Projekt wachse. Deshalb m\u00fcsse neu darum gerungen werden, was das europ\u00e4ische Gemeinwohl \u00fcber den gemeinsamen Wohlstand hinaus ausmache. \u201eEs wird notwendig sein, die traditionellen Werte Europas wie Frieden, Menschenw\u00fcrde, Subsidiarit\u00e4t und Rechtsstaatlichkeit zu erg\u00e4nzen um einen Wert der Einheit in Vielfalt. Eine Multipolarit\u00e4t ohne Dominanz macht das europ\u00e4ische Projekt wesentlich mit aus\u201c, so Erzbischof Pontier. Skeptisch gegen\u00fcber dem Begriff des europ\u00e4ischen Gemeinwohls \u00e4u\u00dferte sich der fr\u00fchere Bundesinnenminister Deutschlands, Thomas de Maizi\u00e8re (CDU): \u201eEs ist an der Zeit, dass die Staaten Europas die Unterschiedlichkeit der nationalen Einzelinteressen anerkennen m\u00fcssen. Das Gemeinwohl kann verlangen, dass bestimmte Interessen einzelner Staaten zur\u00fcckstehen m\u00fcssten.\u201c Solche Entscheidungen gebe es in der EU immer wieder, sagte de Maizi\u00e8re. Ein allgemein akzeptiertes einheitliches europ\u00e4isches Gemeinwohl werde es so lange nicht geben, wie es kein \u201eeurop\u00e4isches Volk\u201c gebe.<br><br>W\u00e4hrend der Tagung wurde in den verschiedenen Diskussionen an der auch die ehemalige franz\u00f6sische Verteidigungsministerin Sylvie Goulard und der fr\u00fchere Pr\u00e4sident des italienischen Ministerrats, Enrico Letta, teilnahmen, die Entwicklung des Begriffs des europ\u00e4ischen Gemeinwohls seit der Schuman-Erkl\u00e4rung er\u00f6rtert und nach aktuellen Formen der Rezeption eines europ\u00e4ischen Gemeinwohls gefragt. Hierbei stand eine Analyse der Ursachen f\u00fcr die Entt\u00e4uschung und das Desinteresse vieler Europ\u00e4er an diesem Begriff im Vordergrund. Au\u00dferdem wurde immer wieder die kirchliche Sicht auf Europa hervorgehoben.<br><br>Der mittlere Teil der Tagung war der Frage gewidmet, weshalb Europa seine B\u00fcrger nicht mehr inspiriere. Bischof Felix Gm\u00fcr, Pr\u00e4sident der Schweizer Bischofskonferenz, leitete diesen Themenblock mit der Feststellung ein, dass die Teilnahme der Schweiz an diesem Anlass darauf hinweise, dass Europa mehr als die EU sei. Aus der Schweizer Geschichte k\u00f6nne die EU lernen, wie wichtig es sei, nicht ausschliesslich nach dem Mehrheitenprinzip zu handeln sondern Minderheiten bewusst einzubeziehen. Denn wer konkret betroffen oder involviert sei, werde sich auch vermehrt interessieren, so Bischof Gm\u00fcr.<br><br>Von einer \u201emoralisch erh\u00f6hten Dichothomie\u201c sprach Prof. Dr. Andreas R\u00f6dder, Professor f\u00fcr Neueste Geschichte an der Universit\u00e4t Mainz, und stellte fest, dass die politischen und kulturellen Differenzen innerhalb der EU gr\u00f6sser seien als urspr\u00fcnglich gedacht. Dies habe schliesslich dazu gef\u00fchrt, dass der Eindruck einer Alternativlosigkeit entstanden und eine \u201eever closer union\u201c suggeriert worden sei. Dies habe dann schliesslich als Gegenreaktion zu gewissen Ressentiments und aufkeimendem Populismus gef\u00fchrt. Zum Abschluss pl\u00e4dierte er bei zentralen Themen wie Digitalisierung, Infrastruktur, Asyl, Migration und Grenzen f\u00fcr mehr flexible Formen, um zu verhindern, dass Demokratie nicht noch mehr zum R\u00fcckzug gedr\u00e4ngt werde. Prof. Dr. Georg Kohler, emeritierter Professor f\u00fcr politische Philosophie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, sah im aktuellen Verlauf der Brexit-Diskussionen, dass die EU wohl mehr unbekannte Leistungen f\u00fcr den Frieden und den Zusammenhalt in Grossbritannien erbracht habe als bisher wahrgenommen. F\u00fcr den Unmut in der Bev\u00f6lkerung nannte er folgende M\u00f6glichkeiten: die EU wird als S\u00fcndenbock wahrgenommen, die EU hat zwar als Wirtschaftsraum Wachstum aber auch neue Ungleichheiten generiert und die EU muss st\u00e4ndig ein Ungleichgewicht ausbalancieren, das die Staaten dadurch entstehen lassen, dass sie ihre eigenen Probleme nicht zu l\u00f6sen verm\u00f6gen. F\u00fcr Ga\u00ebl Giraud SJ, Chef\u00f6konom an der Agence fra\u00e7aise du d\u00e9veloppement, kann das Interesse der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger wieder belebt werden, wenn die EU ihre historische Rolle in der \u00f6kologischen Transition wahrnimmt oder gezielt einen europ\u00e4ischen F\u00f6deralismus vorantreibt.<br><br>Im dritten Themenblock wurden m\u00f6gliche Ans\u00e4tze diskutiert, wie der europ\u00e4ische \u201eTraum\u201c k\u00fcnftig aussehen k\u00f6nnte. Thomas Gomart, Direktor des Institut Fran\u00e7ais des Relations internationales, skizzierte aus geopolitischer Sicht die aktuelle Situation. Dadurch dass die EU seit 1989 konsequent abger\u00fcstet hat w\u00e4hrend USA, Russland und China seither konsequent aufger\u00fcstet haben, sei heute eine v\u00f6llig neue Ausgangssituation entstanden. Die Erarbeitung einer europ\u00e4ischen strategischen Autonomie habe f\u00fcr ihn deshalb oberste Priorit\u00e4t. F\u00fcr Gomart bestehe der europ\u00e4ische Traum eher darin, den Weckruf der Realit\u00e4t zu h\u00f6ren.<br><br>Prof. Dr. Elena Lasida, Professorin f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats am Lehrstuhl f\u00fcr Gemeinwohl am Institut catholique de Paris, pl\u00e4dierte in diesem Zusammenhang f\u00fcr einen wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Paradigmawechsel. Ausgehend von \u201eLaudato Si\u201c f\u00fchrte sie drei Spuren aus, denen gefolgt werden k\u00f6nne: Beziehungen und gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit (\u201ealles ist verbunden\u201c), Gegenseitigkeit und Kostenfreiheit (\u201ealles ist geschenkt\u201c) und Erzeugung und Schaffung anstelle von Produktion (\u201ealles ist zerbrechlich\u201c).<br><br>Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, rief dazu auf, Europa mit Leidenschaft und Augenma\u00df t\u00e4glich neu zu erarbeiten. Die Formulierung von Jean Monnet Europa solle ein Beitrag f\u00fcr eine bessere Welt sein, sei eine einfache aber tiefgreifende Forderung, die sich heute aktueller denn je darstelle. \u201eDaran m\u00fcssen wir uns messen lassen, auch als Kirche\u201c, so Kardinal Marx. Es gehe in Europa um ein Gemeinwohl f\u00fcr das alle sich einsetzen m\u00fcssten. Das sei auch ein Auftrag der Christen, dem sich niemand entziehen k\u00f6nne. \u201eHier ist die ganze Menschheitsfamilie gefordert. Als Christen haben wir einen Auftrag in die Welt hinein. Wir d\u00fcrfen die Welt nicht sich selbst \u00fcberlassen, sondern sind aufgerufen, sie aktiv mitzugestalten\u201c, sagte Kardinal Marx. Christsein bedeute auch Europ\u00e4er zu sein: \u201eEurop\u00e4isches Engagement ist universelles Engagement und muss f\u00fcr einen Christen selbstverst\u00e4ndlich sein.\u201c Dieses Engagement, so Kardinal Marx, m\u00fcsse alle Ebenen umfassen und den Horizont aller Menschen ber\u00fccksichtigen, vor allem der kommenden Generationen. Dazu geh\u00f6rten die Frage nach dem Frieden, der verantworteten Freiheit, der Verantwortung f\u00fcr das gemeinsame Haus der Sch\u00f6pfung und die Bew\u00e4ltigung der digitalen Revolution. Papst Franziskus nenne das eine \u201eneue Fortschrittsidee\u201c. \u201eIch hoffe sehr, dass die Christen nicht ein Teil des Problems in der europ\u00e4ischen Debatte sind, sondern ein Teil der L\u00f6sung. Das wollten wir mit dieser Konferenz in Paris unterstreichen\u201c, sagte Kardinal Marx.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td>&nbsp;<em>Hintergrund: Zur Konferenz \u201eDialog \u00fcber das europ\u00e4ische Gemeinwohl\u201c hatten der&nbsp; Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (M\u00fcnchen und Freising), der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz, Bischof Felix Gm\u00fcr (Basel), und der Vorsitzende der Franz\u00f6sischen Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier (Marseille) eingeladen. Seit 2015 organisieren die Vorsitzenden dieser Bischofskonferenzen alle zwei Jahre ein Treffen zu einem aktuellen Thema, das f\u00fcr die drei L\u00e4nder von Bedeutung ist. Das erste Treffen fand 2015 in Rom mit Blick auf die Familiensynode statt, das zweite 2017 in Berlin zum Thema Migration.<\/em><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Freiburg, 26. M\u00e4rz 2019<\/p>\n\n\n\n<p>Encarnaci\u00f3n Berger-Lobato, Leiterin Marketing &amp; Kommunikation<br>+41 79 552 04 40<br><a href=\"mailto:berger-lobato@bischoefe.ch\">berger-lobato@bischoefe.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem eindringlichen Appell, das europ\u00e4ische Gemeinwohl nicht populistischen Tendenzen oder nationalstaatlichen Interessen zu opfern, ist heute in Paris eine Tagung der Bischofskonferenzen von Frankreich, der Schweiz und Deutschland zuende gegangen.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":1538,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1534"}],"collection":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1534"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1534\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6443,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1534\/revisions\/6443"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}