{"id":1194,"date":"2018-06-06T17:31:00","date_gmt":"2018-06-06T15:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bischoefe.ch\/?p=1194"},"modified":"2021-06-28T13:52:29","modified_gmt":"2021-06-28T11:52:29","slug":"aufruf-zum-fluchtlingssonntagund-fluchtlingssabbat-vom-16-17-juni-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/aufruf-zum-fluchtlingssonntagund-fluchtlingssabbat-vom-16-17-juni-2018\/","title":{"rendered":"Aufruf der christlichen Kirchen und der j\u00fcdischen Gemeinschaft zum Fl\u00fcchtlingssonntag und Fl\u00fcchtlingssabbat vom 16.\/17. Juni 2018"},"content":{"rendered":"\n<p id=\"yui_3_15_0_1_1588779106672_200\"><strong>Zum Wohl der Stadt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u00abSo spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels, zu allen Verbannten, die ich von Jerusalem nach Babel weggef\u00fchrt habe: Baut H\u00e4user und wohnt darin, pflanzt G\u00e4rten und esst ihre Fr\u00fcchte! [&#8230;] Suchet das Wohl der Stadt, in die ich euch weggef\u00fchrt habe, und betet f\u00fcr sie zum HERRN; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl!\u00bb<br><br><strong>Jeremia 29,4\u20137 (Einheits\u00fcbersetzung)<\/strong><br><br>Wer auf gepackten Koffern sitzt, ist auf dem Sprung, entweder in den wohlverdienten Urlaub oder in die unbekannte und ungewisse Fremde. Die einen wollen einen Tapetenwechsel, die anderen werden zum Verlassen ihre Heimat gezwungen. Koffer markieren einen Aufenthalt auf Zeit und sind das Utensil der Reisenden genauso wie der Fl\u00fcchtenden. Als Reiseziel winkt im g\u00fcnstigen Fall der entspannende Urlaubsort, im ung\u00fcnstigen Fall die unsichere Diaspora oder das befremdliche Exil. Beide Reisegruppen erscheinen in den Gastl\u00e4ndern in ganz unterschiedlichem Licht: Touristen sind als Wirtschaftsfaktor willkommen, weil sie f\u00fcr ihre Forderungen bezahlen. Fl\u00fcchtlinge sind dagegen unbeliebt, weil sie die vertrauten Verh\u00e4ltnisse aufmischen und ihre Anspr\u00fcche Kosten verursachen. Beide Gruppen sind f\u00fcr die Einheimischen gleich fremd. Aber die einen reisen schnell wieder ab und sollen m\u00f6glichst bald wiederkommen, w\u00e4hrend die anderen meist zu lange bleiben. Und wenn sie dann doch gehen, w\u00fcnscht niemand ihre R\u00fcckkehr. Als Touristin oder Tourist liegt einem die Welt zu F\u00fcssen. Als Fl\u00fcchtling wird die Welt zum gef\u00e4hrlichen Spiessrutenlauf.<br><br>Das rastlose und dem\u00fctigende Unterwegssein in der Fremde nennen wir Odyssee, in Erinnerung an den Seefahrer aus der griechischen Mythologie, der als Krieger sein Zuhause verliess und nach vielen gef\u00e4hrlichen Irrfahrten in die Heimat zur\u00fcckkehrte. Allerdings eignet sich der griechische Sagenheld nicht als Symbol und Prototyp f\u00fcr die moderne Fl\u00fcchtlingsexistenz. Denn er verliess die Heimat mit einem konkreten Ziel und seine R\u00fcckkehr war von Anfang an fest eingeplant. Viel eher \u00e4hneln die heutigen Fl\u00fcchtlinge dem biblischen Abraham, der die Heimat auf Geheiss Gottes verliess. Wie er ahnen auch die heutigen Fl\u00fcchtlinge, dass sie niemals zur\u00fcckkehren werden. Aus dem Einheimischen Abram wurde der Wanderer Abraham, dessen Heimat allein in der g\u00f6ttlichen Verheissung auf Heimat bestand.&nbsp;&nbsp;<br><br>Wer hier und heute das Eigene gegen die anderen verteidigt, setzt auf die falsche Heimat. Und wer hier und heute den anderen die Gastfreundschaft verweigert, riskiert die versprochene, wirkliche Heimat. Das klingt auf den ersten Blick sehr weltfremd. Aber das Gegenteil ist der Fall, wie der Prophet Jeremia zeigt. Er fordert die Fl\u00fcchtlinge auf, die Koffer auszupacken und wegzustellen. Die Menschen sollen dort sesshaft werden, wo sie ihre Flucht hin gesp\u00fclt hat. Mehr noch, sie sollen sich um das Wohl der neuen Umgebung k\u00fcmmern, weil sie selbst davon profitieren. Der alttestamentliche Prophet stellt nicht nur unsere Theologien, sondern auch unsere staatlichen Integrationspolitiken auf den Kopf. Die Aufgabe, f\u00fcr das Wohl der Stadt zu sorgen, reservieren wir \u00fcblicherweise f\u00fcr die Einheimischen. Und Fl\u00fcchtlingspolitik wird zu einer Geste der Barmherzigkeit und Grossz\u00fcgigkeit, die von den anderen nichts erwartet ausser m\u00f6glichst umfassende Anpassung. Fl\u00fcchtlinge werden bei uns st\u00e4ndig mit Forderungen konfrontiert. Sie sind Ausdruck unseres Misstrauens, setzen m\u00f6glichst enge, unattraktive Grenzen und machen die Betroffenen bewegungs- und tatenlos.<br><br>Anstatt einer solchen Repressionspolitik setzt der Prophet auf echte Integrationspolitik: Die Sorge um das Wohl der Stadt ist die Aufgabe aller, vor allem die Sache der Fl\u00fcchtlinge. Das klingt verr\u00fcckt! Jeremia \u00fcbertr\u00e4gt ausgerechnet den Fremden die Verantwortung f\u00fcr das Wohl der Stadt. Er verpflichtet sie darauf, weil er ihnen vertraut und um ihre Kompetenzen weiss. Gerade den Fl\u00fcchtlingen mutet er die fundamentale Aufgabe f\u00fcr das Gemeinwohl zu. Das ist biblische Integrationspolitik!<br><br><em>Dr. Gottfried&nbsp;Wilhelm&nbsp;Locher<\/em><br><em>Pr\u00e4sident&nbsp;des&nbsp;Rates des&nbsp;Schweizerischen&nbsp;Evangelischen&nbsp;Kirchenbunds<\/em><br><br><em>Bischof&nbsp;Dr.&nbsp;Charles&nbsp;Morerod<\/em><br><em>Pr\u00e4sident&nbsp;der&nbsp;Schweizer&nbsp;Bischofskonferenz<\/em><br><br><em>Bischof&nbsp;Dr.&nbsp;Harald&nbsp;Rein<\/em><br><em>Christkatholische&nbsp;Kirche&nbsp;der&nbsp;Schweiz<\/em><br><br><em>Dr.&nbsp;Herbert&nbsp;Winter<\/em><br><em>Pr\u00e4sident des&nbsp;Schweizerischen&nbsp;Israelitischen&nbsp;Gemeindebund<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abSo spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels, zu allen Verbannten, die ich von Jerusalem nach Babel weggef\u00fchrt habe: Baut H\u00e4user und wohnt darin, pflanzt G\u00e4rten und esst ihre Fr\u00fcchte! 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