{"id":1059,"date":"2020-02-12T14:33:38","date_gmt":"2020-02-12T13:33:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bischoefe.ch\/?p=1059"},"modified":"2020-12-03T10:46:12","modified_gmt":"2020-12-03T09:46:12","slug":"querida-amazonia-nachsynodales-apostolisches-schreiben-von-papst-franziskus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/querida-amazonia-nachsynodales-apostolisches-schreiben-von-papst-franziskus\/","title":{"rendered":"&#8222;Querida Amazonia&#8220; &#8211; Nachsynodales Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus"},"content":{"rendered":"\n<p id=\"yui_3_15_0_1_1588768401388_198\"><strong>An das Volk Gottes und an alle Menschen guten Willens<\/strong><\/p>\n\n\n<p>1. Das geliebte Amazonien steht vor der Welt mit all seiner Pracht, seiner Tragik und seinem Geheimnis.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.bischoefe.ch\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/02\/200212_Exhortationapostolique-QueridaAmazonia-PapaFrancesco_d-2.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nachsynodales Apostolisches Schreiben Querida Amazonia von Papst Franziskus<\/a><\/p>\n\n\n<p><strong>Kommentar zu \u00abQuerida Amazonia\u00bb<\/strong><br><br>Typisch Franziskus: Er verfasst das nachsynodale apostolische Schreiben in einer erfrischenden, fl\u00fcssigen Sprache, die man gerne liest und gut versteht. Typisch Franziskus: Er erl\u00e4sst keine neuen Vorschriften und zwingt den Menschen in Amazonien kein bestimmtes Handeln auf. Vielmehr anerkennt er, dass sie \u00fcber ihre Probleme und Herausforderungen vor Ort besser Bescheid wissen als er und daher auch besser wissen, wie es unter der Perspektive einer ganzheitlichen Umkehr konkret zu handeln gilt. Typisch Franziskus: Er verbindet die \u00f6kologische mit der sozialen und kulturellen Frage und ermuntert die Kirche zu lokalen Handlungsoptionen, denn \u00aballes, was die Kirche anzubieten hat, muss an jedem Ort der Welt auf eigene Art Fleisch und Blut annehmen\u00bb (Nr.\u00a06).<br><br>\u00abQuerida Amazonia\u00bb, \u00abGeliebtes Amazonien\u00bb: Was f\u00fcr ein Titel! Das Dokument ist gleichsam eine Liebeserkl\u00e4rung an die Lunge der Erde mit ihrer Vielfalt an nat\u00fcrlicher Sch\u00f6nheit und kulturellem Reichtum. Und deshalb ist es gleichzeitig ein Ausdruck der Sorge um die Zerst\u00f6rung, die dort im Gang ist, um die soziale und \u00f6kologische Katastrophen, die sich anbahnen und die ganze Welt betreffen. Deshalb richtet sich der Text nicht nur an das Volk Gottes, sondern an alle Menschen guten Willens. Amazonien betrifft uns alle!<br><br>Umkehr und \u00abbuen vivir\u00bb, \u00abgutes Leben\u00bb: Das sind die beiden Leitworte des Schlussdokuments. Der Papst best\u00e4tigt sie in seiner apostolischen Exhortation. Er gibt ihnen aber eine neue Wendung. Er spricht von\u00a0<em>Visionen<\/em>. Die vierfache Umkehr wird zu einer sozialen, kulturellen, \u00f6kologischen und kirchlichen Vision. \u00abIch tr\u00e4ume von einem Amazonien\u00bb, schreibt der Papst in Nr.\u00a07, \u00abdas f\u00fcr die Rechte der \u00c4rmsten [\u2026] k\u00e4mpft\u00bb, \u00abdas seinen charakteristischen kulturellen Reichtum bewahrt\u00bb, \u00abdas die \u00fcberw\u00e4ltigende Sch\u00f6nheit der Natur, die sein Schmuck ist, eifers\u00fcchtig h\u00fctet\u00bb. Und er tr\u00e4umt von \u00abchristlichen Gemeinschaften, die [\u2026] der Kirche neue Gesichter mit amazonischen Z\u00fcgen schenken\u00bb.<br><br>Visionen er\u00f6ffnen einen Blick in die Zukunft. Dieser Blick geht von der Lebenswirklichkeit hier und jetzt aus und zeichnet sich zugleich wesentlich durch eine Offenheit aus. Eine Vision hat den Anspruch, gegenw\u00e4rtige Denk- und Beurteilungsmuster aufzusprengen, den Status quo neu zu denken. Visionen weisen \u00fcber das Ich und dessen Grenzen im Denkverm\u00f6gen hinaus. Sie stossen eine innere Dynamik an, die bef\u00e4higt, den notwendigen Wandel zuversichtlich anzugehen und trotz aller H\u00fcrden die Strapazen auf sich zu nehmen, hoffnungsvoll voranzuschreiten. Visionen sind ebenso Ermunterung wie Herausforderung und k\u00f6nnen Angst machen und verunsichern, eben gerade darum, weil sie g\u00e4ngige Denkkategorien sprengen und Altvertrautes aufbrechen.<br><br>Die Kapitel zur sozialen, kulturellen und \u00f6kologischen Vision entwickeln den Traum von einer gerechten, sensiblen, nachhaltigen Welt, nicht nur im Amazonasgebiet. Die von der Kultur der indigenen V\u00f6lker Amazoniens inspirierte Vision, dass Menschen im Einklang mit Gottes Sch\u00f6pfung, in Respekt voreinander und Verantwortung f\u00fcreinander wahrhaftes \u00abbuen vivir\u00bb, \u00abgutes Leben\u00bb erfahren und entfalten k\u00f6nnen, weist \u00fcber Amazonien hinaus. Papst Franziskus appelliert an alle Menschen guten Willens und an die Kirche, die Klage der Armen und die Klage der Erde zu h\u00f6ren (Nr.\u00a08), \u00abden Schrei der V\u00f6lker Amazoniens\u00bb zu h\u00f6ren (Nr.\u00a019).<br><br>\u00abMan muss sich emp\u00f6ren\u00bb (Nr.\u00a015). Gegenstand der Emp\u00f6rung ist die verkehrte Sicht auf Amazonien als Land ohne Leute und Kultur, dessen Reichtum und Rohstoffe man nach Gutd\u00fcnken ausbeuten kann. Dabei verletzen die Ausbeuter, nicht selten auch internationale Konzerne, die W\u00fcrde der dort ans\u00e4ssigen Menschen und V\u00f6lker. Ausbeuterische Wirtschaftsbeziehungen verschmutzen die Luft, zerst\u00f6ren W\u00e4lder, Fl\u00fcsse, Flora, Fauna, indigene V\u00f6lker, Gemeinschaften und Kulturen, besch\u00e4digen die Institutionen, f\u00f6rdern dadurch Gewalt, Instabilit\u00e4t, Elend und Leid und werden so \u00abzu einem Instrument, das t\u00f6tet\u00bb (Nr.\u00a014). Diese Arten von postmoderner Kolonialisierung sind und bef\u00f6rdern, so die \u00e4usserst harten Worte,\u00a0<em>\u00abUngerechtigkeit und Verbrechen\u00bb<\/em>\u00a0(Nr.\u00a014). Hier hat die Kirche ihre \u00abprophetische Stimme\u00bb (Nr.\u00a027) zu erheben und den Dialog auf allen Ebenen zu f\u00f6rdern. Das fordert auch uns, weil wir uns fragen m\u00fcssen, ob die Art unseres Wirtschaftens mit dem Amazonas die Freiheit der dortigen Menschen und Gemeinschaften respektiert und f\u00f6rdert oder vielleicht doch eher mindert und die Lebensgrundlagen zerst\u00f6rt.<br><br>Tragen wir zur Zerst\u00f6rung des Amazonas bei, schneiden wir uns auch ins eigene Fleisch. Denn \u00abdas Gleichgewicht des Planeten h\u00e4ngt auch von der Gesundheit Amazoniens ab\u00bb (Nr.\u00a048). Das gilt nicht nur f\u00fcr die Natur, sondern auch f\u00fcr die soziale Frage. Beides geh\u00f6rt aufs engste zusammen (Nr.\u00a08). Deshalb gilt es, dass wir einen Lebensstil ein\u00fcben, \u00abder weniger uners\u00e4ttlich ist, ruhiger, respektvoller, weniger \u00e4ngstlich besorgt und br\u00fcderlicher\u00bb (Nr.\u00a058). Entscheidend ist dabei das Entwickeln einer neuen Haltung.<br><br>F\u00fcr die Kirche ist der Glaube an Jesus Christus sowie das Weiterschenken seiner Liebe das tragende Fundament f\u00fcr jedes soziale und \u00f6kologische Engagement (Nr.\u00a063f.). Die Liebe Jesu Christi ergiesst sich \u00fcber alle Menschen, in allen Kulturen. Die Kirche hat sich seit ihren Anf\u00e4ngen immer wieder inkulturiert, bis heute. Das Christentum \u00abverf\u00fcgt nicht \u00fcber ein einziges kulturelles Modell\u00bb (Nr.\u00a069). Papst Franziskus ermutigt damit nicht nur die Menschen in Amazonien, sondern uns alle, Kirche dynamisch und offen zu denken.<br><br>Der Papst denkt dabei anders als wir es uns gewohnt sind. Er denkt nicht von den \u00c4mtern her. Sein Ausgangspunkt ist vielmehr das Volk Gottes. Von daher entwickelt er die Vision einer inkulturierten Kirche, die \u00abdas Soziale besser mit dem Geistlichen verbinden\u00bb kann (Nr.\u00a076). Dazu bedarf es auch inkulturierter \u00c4mter und Dienste. Zu diesen geh\u00f6ren aufgrund des Mangels an Priestern, wie bei uns, \u00abLaien-Gemeindeleiter\u00bb (Nr.\u00a094). \u00dcberhaupt will der Papst der Kirche ein Gesicht geben, das nicht klerikal gepr\u00e4gt ist, sondern \u00ab<em>von Laien gepr\u00e4gt<\/em>\u00a0ist\u00bb: \u00abDie Inkulturation\u00a0muss\u00a0sich auch auf konkret erfahrbare Weise in den kirchlichen Organisationsformen und in den kirchlichen \u00c4mtern entwickeln und widerspiegeln. Wenn Spiritualit\u00e4t inkulturiert wird, wenn Heiligkeit inkulturiert wird, wenn das Evangelium selbst inkulturiert wird, k\u00f6nnen wir nicht umhin, auch hinsichtlich der Art und Weise, wie kirchliche Dienste strukturiert und gelebt werden, an Inkulturation zu denken\u00bb (Nr.\u00a085).<br><br>Die Weihe von verheirateten M\u00e4nnern zu Priestern und die Weihe von Diakoninnen greift Franziskus nicht auf. Das hat manche, vorab in unseren Breitengraden, entt\u00e4uscht, umso mehr, als diese auch f\u00fcr uns wichtigen Fragen das Schlussdokument der Synode offen diskutiert und thematisiert hat. Ich kenne den Grund f\u00fcr das Schweigen des Papstes nicht, kann mir aber vorstellen, dass er das Wesen der Weihe von der Machtfrage entkoppeln will. Das ist f\u00fcr mich positiv, fordert aber eine tiefergehende Reflexion vorab \u00fcber den Priester. Dazu bleibt die T\u00fcr offen, denn die T\u00fcr, welche das Schlussdokument der Synode aufgetan hat, schliesst der Papst nicht. Dagegen ist das sehr traditionelle Frauenbild, welches transportiert wird, befremdend. Zumindest f\u00fcr unseren Kulturkreis ist es nicht \u00abinkulturiert\u00bb. Deshalb besteht hier Handlungsbedarf. Die Kirche in der Schweiz braucht ein inkulturiertes Bild von Frauen (und M\u00e4nnern). Das ist ein Gebot der Erkenntnis der Zeichen der Zeit.<br><br>Bei der \u00c4mterfrage bereitet der Papst zwar den Boden f\u00fcr weitere mutige Schritte. Er ruft zu mehr Mut und lokaler Mitgestaltung auf, bleibt aber in der Kl\u00e4rung hinter dem frischen Geist, hinter seinem eigenen vision\u00e4ren Anspruch zur\u00fcck. Er lobt den ausgerollten Teppich des Schlussdokuments, l\u00e4uft aber selber nicht dar\u00fcber. Die Spannung bleibt, die T\u00fcr f\u00fcr Neues auch hier steht weiterhin offen. Denn der Papst redet von einer Vision, einem Traum: Traum und Vision sind nicht das Ende, sondern der Anfang eines Prozesses, dessen Resultate nicht zum vornherein feststehen.<br><br>Stellen wir uns dieser Spannung! Sie betrifft unseren nachhaltigen Lebensstil, unser Wirtschaften, unser Kirchesein.<br><br>+Felix Gm\u00fcr<br>Pr\u00e4sident der Schweizer Bischofskonferenz<br><br>Freiburg, 14. Februar 2020<\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bischoefe.ch\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/02\/200214_Kommentar_Amazonia_FelixGmur_d.pdf\">Kommentar zu &#8222;Querida Amazonia&#8220; &#8211; + Felix Gm\u00fcr<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An das Volk Gottes und an alle Menschen guten Willens<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1060,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1059"}],"collection":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1059"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1059\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6581,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1059\/revisions\/6581"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1060"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/staging.sbkcescvs.ch\/bischoefe\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}